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Tradition oder Trend?

Die Zuger Kirschtorte zwischen neuer Idee und alter Sehnsucht
Auf den ersten Blick scheint alles klar: Die klassische Zuger Kirschtorte wirkt echt. Die neue Version wirkt ungewohnt. Vielleicht sogar künstlich. Genau hier beginnt WTFake.

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Ein Bild kann dein Leben

verändern auch wenn

es nie existiert hat.

Anja SchuSchu
Runde pinke Torte mit dekorativer Glasur und Kirschen auf weißem Teller, silberner Tisch.
Zugertorte mit einer Scheibe auf einem Teller auf rosa Tuch auf einem Küchenwagen.
Digital Fake

Basil Stücheli hat das Fake-Bild mit künstlicher Intelligenz erzeugt. Es zeigt eine Zuger Kirschtorte, wie viele sie kennen: klassisch, ordentlich, nostalgisch und perfekt ausgeleuchtet.

Die KI hat dieses Bild nicht einfach erfunden. Sie hat bekannte Muster kombiniert: Tradition. Handwerk. Heimat. Warmes Licht. Ein schönes Zuhause.

Darum wirkt das KI-Bild so glaubwürdig. Nicht, weil es wahr ist. Sondern weil es unseren Erwartungen entspricht.

Das echte Bild

Das Food Studio nom nom wiederholt die Tradition nicht einfach. Sie denken sie weiter.

Denn Tradition heisst nicht, dass alles immer gleich bleiben muss. Tradition lebt, wenn Menschen sie weitergeben, verändern und neu erzählen.

Das echte Bild zeigt also keine falsche Kirschtorte. Es zeigt eine lebendige Tradition.

Von der Kirschtorte zum Rollenbild

Food-Content zeigt selten nur Essen. Er zeigt Lebensstile, Ordnung, Fürsorge oder Zugehörigkeit.
Auf Social Media funktioniert Tradition oft besonders gut, wenn sie perfekt inszeniert ist.

Ein schöner Tisch. Warmes Licht. Ein vertrautes Rezept. Ein Gefühl von Zuhause. Solche Bilder berühren uns.

Aber sie können auch Erwartungen verstärken: So soll Familie aussehen. So soll Zuhause aussehen. So soll Weiblichkeit aussehen. So soll ein gutes Leben aussehen. Ein Beispiel für diese Form der Inszenierung ist die Tradwife-Ästhetik, die auf genau solche Bilder setzt.

Tradwife: alte Rollen im neuen Look

Tradwife kommt von «traditional wife», also «traditionelle Ehefrau».
Auf Social Media zeigen manche Accounts ein Leben, in dem Frauen vor allem für Zuhause, Familie, Kinder, Kochen und Schönheit stehen.

Die Bilder wirken oft ruhig, warm und perfekt. Backen ist nicht das Problem. Familie ist nicht das Problem. Zuhause sein ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn ein einziger Lebensweg als natürlicher, weiblicher oder besser erscheint als alle anderen.
Dann wird aus Nostalgie ein Erwartungsdruck.

Warum KI solche Bilder verstärkt

KI lernt aus Bildern, Texten und Mustern, die Menschen vorher ins Netz gestellt haben.
Wenn online viele perfekte Küchen, klassische Familienbilder und alte Rollenbilder vorkommen, greift KI diese Muster wieder auf.

KI zeigt uns also nicht einfach «Tradition». Sie zeigt uns, welche Bilder von Tradition besonders sichtbar, wiederholt und normalisiert wurden.

Genau dort steckt der eigentliche Fake: Nicht nur das Bild ist künstlich. Auch unsere Vorstellung von «normal» kann künstlich eng werden.

Was macht inszenierte Tradition mit uns?

Nostalgie

Tradition wirkt warm, vertraut und sicher. Gerade in unsicheren Zeiten kann das sehr anziehend sein.

Vergleich

Perfekte Bilder von Zuhause, Familie und Essen können Druck erzeugen: Alles soll schön, harmonisch und bedeutungsvoll wirken.

Rollenbilder

Food- und Lifestyle-Content zeigt oft unausgesprochen, wer sich kümmert, wer serviert, wer schön macht und wer im Hintergrund bleibt.

Vereinfachung

Komplexe Fragen zu Arbeit, Familie, Care, Gleichstellung und Identität werden auf ein ästhetisches Bild reduziert.

#OnlyFacts

Frau in dunkler Kleidung umgeben von alten Bildschirmen und Kabeln in dunklem Raum mit blauem Licht.

KI kann alte Rollenbilder wiederholen
Eine UNESCO-Studie zeigte 2024: Manche KI-Modelle beschreiben Frauen deutlich häufiger in häuslichen Rollen als Männer. In einem Modell kamen Frauen viermal häufiger in häuslichen Rollen vor. Frauen wurden zudem öfter mit Begriffen wie «Zuhause», «Familie» und «Kinder» verbunden, Männer eher mit «Business», «Karriere» und «Gehalt».

UNESCO (2024). Bias Against Women and Girls in Large Language Models. Offizieller Bericht der Vereinten Nationen, veröffentlicht im März 2024.

Dunkler Raum mit verzerrten Linien, ein Monitor auf einem Tisch und Lichtstreifen an der Wand.

Tradwife ist nicht nur ein Backtrend
Forschende der Universität Amsterdam ordnen den Tradwife-Trend nicht nur als Lifestyle ein. Sie sehen darin auch eine Verbindung zu konservativen Ideen über Geschlecht, Familie und Gleichstellung. Social Media hilft dabei, solche Ideen schön, weich und harmlos aussehen zu lassen.

University of Amsterdam (UvA) / Faculty of Social and Behavioural Sciences (2024/2026). Forschungsberichte und Analysen zur Tradwife-Bewegung von Prof. Sarah Bracke (Gender & Sexuality Studies) und Dr. Liza Mügge (Political Science).

Person in schwarzer Kleidung sitzt umgeben von alten Monitoren und Computertastaturen in düsterem Raum.

Social Media kann extreme Inhalte verstärken
Eine Studie von UCL und der University of Kent zeigte 2024, dass Social-Media-Algorithmen Jugendlichen innerhalb weniger Tage deutlich mehr frauenfeindliche Inhalte empfehlen können. Die Forschenden beobachteten über fünf Tage eine starke Zunahme solcher Empfehlungen.

Regehr, K., Shaughnessy, N., Shaughnessy, C. & ASCL (2024). Safer Scrolling: How recommender algorithms amplify misogynistic content to teens. Gemeinschaftsstudie des University College London (UCL) und der University of Kent, veröffentlicht im Februar 2024.

Person sitzt am Boden und tippt auf einer Tastatur, umgeben von mehreren Bildschirmen und Kabeln.

Vertraute Bilder wirken schneller glaubwürdig
Wir glauben Bildern oft schneller, wenn sie zu dem passen, was wir bereits erwarten. Genau deshalb wirkt die klassische KI-Kirschtorte vielleicht «echter» als die echte Neuinterpretation.

Grundlagen der Kognitionspsychologie zum Thema Cognitive Fluency und Illusion of Truth, populärwissenschaftlich umfassend dargelegt im Standardwerk von Daniel Kahneman (Schnelles Denken, langsames Denken) sowie in aktuellen medienpsychologischen Studien zur visuellen Desinformation im KI-Zeitalter.

#ClickWithCare

Wenn du solche Bilder siehst, frag dich:

Was zeigt dieses Bild als «normal»?

Wer ist sichtbar? Wer fehlt?

Fühle ich mich inspiriert? Oder fühle ich mich unter Druck?

Zeigt das Bild Tradition? Oder verkauft es mir ein bestimmtes Lebensmodell?

Tradition ist nicht das Problem

Tradition kann verbinden. Sie kann Geschichten bewahren. Sie kann Identität stiften. Sie kann Menschen zusammenbringen.

Aber Tradition darf nicht zur Maske werden, hinter der alte Erwartungen als neue Ästhetik oder Trends zurückkehren. Die stärkste Tradition ist nicht die, die immer gleich bleibt. Sondern die, die wir bewusst weitergeben.

Was hat das mit dem Code of Conduct zu tun?

Digitale Inhalte sind nie neutral. Sie prägen, was wir schön finden.
Was wir normal finden. Was wir erfolgreich finden. Was wir für uns selbst erwarten.

Der Code of Conduct des Conscious Influence Hub übersetzt Werte wie Transparenz, Verantwortung oder Respekt  in konkrete Guidelines für digitale Kommunikation.

Zwei lachende Frauen sitzen auf einem Teppich und schauen zusammen auf ein Smartphone.

Du kommunizierst faktenbasiert, transparent und ehrlich.

Gruppe lachender Menschen, die sich im Kreis im Freien bei sonnigem Wetter an den Händen halten.

Du gibst Kontext und förderst einen offenen Diskurs.

Frau mit gelber Kleidung und weißen Sonnenbrillen hält ein Megafon vor blauem Himmel auf Treppe.

Du hast Sexismus auf dem Radar.

Person schaut durch schmale Öffnung mit rotem Hintergrund und Hand auf Kante gelegt.

Du respektierst die Privatsphäre anderer.

Code of Conduct zeigen
Code of Conduct zeigen

Was wir Tradition nennen, ist oft eine Entscheidung: Was wir bewahren.
Was wir zeigen. Und was wir vielleicht neu erzählen.